Der Wirkmechanismus der Ohrakupunktur

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Dieser Artikel ist im Buch ‘Ohrakupunktur Konzept Generator‘ (2018) von mir veröffentlicht worden. Es ist der Versuch, eine Arbeitshypothese zur Wirkweise von Ohrakupunktur zu formulieren.

Stellen Sie sich einen Dokumentarfilm auf ARTE vor: eine Fussgängerzone im Berufsverkehr. Menschen hasten vor­ bei, viele Menschen, verschiedene Menschen, große, kleine, di­cke, dünne, Geschäftsleute auf dem Weg zur Arbeit, rauchende Verkäuferinnen, dazwischen Schulkinder auf dem Weg zur Schu­ le und Mütter mit Kinderwagen auf dem Weg zum Kinderarzt. Jeder verschieden, jeder strebt seinem Ziel zu.

„Menschen, verschiedene Menschen, jeder hat seine Ziele, jeder seine Probleme. Jeder ist individuell.“

Stimme des Off-Sprechers

Zoom auf verschiedene Gesichter, harte, weiche, zerfurchte, ernst blickende und entspannteEin jeder hat seine Geschichte, hat sein eigenes Gesicht, jeder hat seine individuellen Ohren.“ Zoom auf unterschiedliche Ohren, große, kleine, alte, junge, angewachsene Ohrläppchen, große hängende Ohrläppchen, wulstige Helixkrempen, scharf geschnittene Kanten, rote oder blasse, mit Pickeln und Flecken, mit Falten und ohne, mit Pier­cings und ohne, helle und dunkle.

„Jedes Ohr ist unterschiedlich – und wenn man genau hinschaut: Es passt zum jeweiligen Gesicht und zum jeweiligen Menschen. Und das nicht von ungefähr: Aus Sicht der Embryonalent­ wicklung betrachtet entsteht das Ohr aus einer Ausstülpung des Gehirns, entwickelt sich aus dem sogenannten Ohrbläschen, wie das Auge aus dem Augenbläschen.“

Eine Trickfilm-Animation zeigt, wie sich der Embryo aus ei­ nem Zellhaufen entwickelt, sich immer mehr differenziert, Ento­ derm, Ektoderm, Mesoderm. Wie sich das Nervensystem entwi­ ckelt, das Gehirn und daraus Auge, die nervale Versorgung der Hirnnerven und das Ohr entfalten. Wie das Rückenmark sich ausbreitet und wie die peripheren Nerven nach und nach die Muskeln, die Körperoberfläche, und auch die inneren Organe durchdringen und versorgen. Und wie sich das Gehirn immer weiter differenziert und Nerven sich vom Gehirn bis in das Ohr hinein ausbreiten.

„Das Ohr steht in einer besonderen, einer spiegelnden Bezie­ hung zum Gehirn. Und so, wie jedes Gehirn einzigartig und in­ dividuell ist – so ist auch jedes Ohr individuell gestaltet. Und es entwickelt sich erst innerhalb der ersten 10 Lebensjahre zu seiner endgültigen Form.“

Im Zeitraffer sieht man, wie sich ein Baby-Ohr über das Kin­der- zum Jugendlichen-Ohr entwickelt und seine Strukturen im­mer genauer ausbildet…

Dann wechselt des Bildes zu einem Herrn im weissen Kit­tel, vor einigen Monitoren sitzend:

„Alle Symptome eines Menschen werden im Gehirn erfasst und in Form von neurologi­ schen Mustern abgebildet, d.h. von Aktivitätsclustern im Gehirn dargestellt. Das können wir mit einem fMRT, einem funktionellen Kernspin erfassen. Stellen Sie sich vor, Sie hauen sich mit einem Hammer auf den Daumen. Das, was Sie als Schmerz in Ihrem Daumen empfinden, ist neurologisch gesehen ein ganz spezifi­sches Aktivitätsmuster zwischen und innerhalb der Nervenzellen Ihres Gehirns. Dies können wir mit einem fMRT darstellen.

Wenn wir nun in das Ohr eine Nadel stechen, in die Zone, die nach den Ohrakupunktur-Karten dem Daumen entspricht, dann erhalten wir Aktivitätsmuster im Gehirn, die in der gleichen Region ablaufen, wie nach dem Schlag mit dem Hammer auf den echten Daumen.“

Das Bild verschwimmt und wieder hört man die Stimme des Off-Sprechers: „Ohrakupunktur als Spiegelung der Aktivitäten des Gehirns?“ Jahreszahlen rattern rückwärts und bleiben auf 1956 stehen. „Wir gehen zurück in die Mitte des letzten Jahrhun­ derts. Dr. Paul Nogier, ein französischer Arzt, entdeckt die Ohra­ kupunktur. Er bemerkte bei mehreren seiner Patienten Brandnar­ ben am Ohr. Und diese Patienten, allesamt Matrosen, erzählten ihm, wie ihnen ein Hafen-Heiler irgendwo in der südlichen See diese Brandnarben mit einem glühenden Eisen auf das Ohr drückte – und sie damit von ihren Ischiasbeschwerden befreite.

Das lies Dr. Paul Nogier keine Ruhe, und ausgehend von die­ ser Entdeckung entwickelte er im Laufe weniger Jahre eine Kar­ tografie des Menschen, die sich am Ohr abbildet. Oft bekannt als sogenannter ‘Embryo im Ohr’. Diese Idee begeisterte auch einige Kollegen im Ausland – und so wurden in verschiedenen Ländern Kartografien erstellt und weiterentwickelt – bekannt als französiche, russische und chinesische Schule.

Bei diesen Worten fährt die Kamera über verschiedene Abbil­dungen von Ohrakupunktur-Karten: Es gibt Punkte, Zonen, sek­torale Einteilungen, bis hin zu einer Karte, auf der über hundert einzelne Punkte eingezeichnet sind, die teilweise sehr dicht beieinan­der liegen.

Wieder ist die Stimme des Mannes mit dem weissen Kittel vor den Monitoren zu hören:

„Lange Jahre wurden die­se Punkte exakt beschrieben, auf den Millimeter genau angege­ben – und die Ohrakupunktur funktionierte als Punktesamm­lung. Aus dieser Sammlung hat sich dann der Therapeut einige ausgewählt und die Nadeln bei seinem Patienten an die entspre­ chenden Stellen im Ohr gestochen.“

„Solch ein Vorgehen ist heute nicht mehr vertretbar. Eine exakte Punktlokalisation auf einer Karte darstellen zu wollen, ist eine Il­ lusion. Die Ohren sind, wie die meisten Körperteile, bei jedem Menschen verschieden ausgeprägt. Und auch die Punkte unter­ liegen einer großen individuellen Variabilität. So eine exakte Karte wäre etwa so, als würden 20 verschiedene Ärzte 20 ver­ schiedene Zugänge zur Vena poplitea veröffentlichen und auf ei­ ner Karte präsentieren. Dabei handelt es sich immer nur um die gleiche, bei jedem Menschen etwas anders gelegene Vene. Da­ her sprechen einige Ohrakupunkteure heute nicht mehr von Punkten am Ohr, sondern von Punktezonen, innerhalb derer sich der individuelle Punkt eines Patienten befindet. Diesen müssen Sie finden und akupunktieren.

Die Kamera entfernt sich von den Karten und landet wieder auf dem Herrn im weissen Kittel, der seinen linken Hemdsärmel aufgekrempelt hat und auf die Haut seiner Ellenbeuge zeigt:

Wenn Sie Blut abnehmen wollen, ist es im Grunde genauso: Sie kennen die Region, in der wahrscheinlich die Vene, die Sie punktieren wollen, liegt. Sie desinfizieren, dann inspizieren Sie die Region, tasten sie ab – und entscheiden aus dieser Informati­ on heraus, wo Sie Ihre Kanüle hineinstechen. Und abhängig von Ihrer Erfahrung, Ihren anatomischen Kenntnissen, der Qualität Ihrer Stichtechnik – und nicht zuletzt vom Lokalbefund des Pati­ enten (den Sie beurteilen müssen), werden Sie mehr oder weni­ger Erfolg haben.

Und genau so ist es auch in der Ohrakupunktur: Sie kennen die Region am Ohr, wo der Punkt wahrscheinlich liegen wird. Diese müssen Sie absuchen und den besten dort findbaren Punkt nehmen. Wissen – Erfahrung – und Lokalbefund, das sind die Qualitäten, die Sie brauchen. Wir sind weg von den Punkten, hin zu den Zonen, innerhalb derer der individuelle Punkt des Pa­ tienten identifiziert werden muss.“

Während dieser letzten Worte gleitet die Kamera wieder zu zu den Karten mit den Punkten bis hin zu einer Karte, auf der nur noch unterschiedliche Zonen am Ohr dargestellt sind. Die Stim­me des Off-Sprechers sagt:

„Durch diese neue Betrachtungswei­ se konnten auch viele scheinbare Widersprüche geklärt werden, die zwischen den Autoren unterschiedlicher Ohrkarten entstan­ den waren: Nicht einer hatte Recht und der andere hatte Un­ recht – sondern beide hatten Recht, nur hatte jeder seine Erfah­ rungen etwas anders gemacht. Durch diese Betrachtungsweise wurde auch den Kritikern der Wind aus den Segeln genommen, die argumentiert hatten: wenn die unterschiedlichen Autoren der Ohrakupunktur sich nicht einmal selber einigen können, dann scheint es mit der Ohrakupunktur ja nicht weit her zu sein.

Doch wie kam es zu dieser Betrachtungsweise, dass es nicht mehr festgelegte Punkte gibt, sondern Cluster oder Zonenbereiche, in denen der individuelle aktive Punkt eines Pati­ enten gesucht und gefunden werden sollte?“

Das Bild wechselt wieder und diesmal gleitet die Kamera über ein MRT-Gerät, das gerade den Kopf einer älteren Dame untersucht. Kameraschwenk zur Tür, durch die Tür wieder zu dem Mann mit dem Kittel, der vor den Monitoren sitzt. Er dreht sich um zur Kamera und sagt:

„Man hat früher angenommen, dass Aktivitäten im Gehirn festen Strukturen, bestimmten Ner­ venzellen folgen und immer dem gleichen Weg folgen. Dass ein Daumen z.B. immer durch ganz bestimmte Nervenzellen repräsentiert wird. Daraus sind die Bilder der sogenannten Somatoto­ pien entstanden, die Abbildungen von ‘Humunkuli’, von mehr oder weniger deformierten ‘Menschlein’, z.B. auf der Großhirn­ rinde. Sie kennen gewiss noch diese Abbildungen aus Ihrem ei­genen Studium.

Wir müssen nach den Erkenntnissen der letzten Jahre diese an ganz feste Strukturen gebundenen Bilder verlas­sen, da es sich größtenteils um Aktivitätsmuster handelt, die zwar bestimmten Strukturen folgen, doch nicht die Strukturen sind. Ähnlich einem Telefon. Es werden zwar die gleichen Kabel verwendet, doch die Impulse, die dort hindurch gehen, sind un­ terschiedlich, und je nach ‘Aktivität’ im Telefonkabel hören Sie ganz unterschiedliche Worte, also ganz verschiedene Inhalte. Es ist natürlich viel Komplexer als als diese Beispiele und wir sind erst auf dem Weg, die Dinge zu verstehen, doch dies ist ein an­ näherungsweises Bild.

Wenn wir davon ausgehen, dass das Ohr als Somatotopie eine Art Spiegel der Aktivitäten im Gehirn darstellt, dann sind auch diese Aktivitäten am Ohr nicht an exakte Punkte (die am Ohr anatomisch histologisch nachweisbar wären) gebunden. In der Körperakupunktur haben Sie das Modell, dass die Punkte oftmals einem Gefäß-Nerven-Durchtrittspunkt in den Faszien entsprechen – und damit auch ständig nachweisbar und defi­ nierbar sind. Bei der Ohrakupunktur, und auch den anderen So­ matotopien, haben Sie das nicht. Entsprechend dem Gesetz der Somatotopien sind Punkte nur dann aufzufinden, wenn auch eine ‘Störung’ im Körper vorliegt. Die Erklärungsmodelle der Ohrakupunktur aus den 90ger-Jahren, die von Nervenenden in der Ohrhaut ausgingen, die mit der Nadel getroffen werden und darüber einen Impuls ins Gehirn übertragen, können als wider­ legt gelten. Auch die Untersuchungen über die Freisetzung be­ stimmter Neuropeptide, z.B. Serotonin, durch die Akupunktur, sind interessant, bringen aber kein Erklärungsmodell für die Wir ­ kungen der Ohrakupunktur. Wir müssen also sagen, dass heute alle gängigen Erklärungsmodelle der Ohrakupunktur widerlegt sind – und wir noch kein wirklich überzeugendes Modell für die Wirkung der Somatotopien vorweisen können. Wir wissen nur, dass es eine irgendwie geartete Verbindung zwischen Ohr und der Beeinflussung von Hirnaktivitäten gibt.“

Die Kamera zeigt jetzt einen der Monitore, auf dem ein Ge­hirn im Querschnitt zu erkennen ist, über das Linien laufen. „Wir machen hier ein Funktions-MRT, bei dem wir Aktivitäten im Ge­hirn darstellen können. Diese Patientin hat ausgeprägte Schmer­ zen im Hüftgelenk. Das ergibt ein bestimmtes Schmerz-Aktivitäts­ musUter in der zugehörigen Region im Gehirn.

Unsere aktuelle Hypothese ist, dass die wahrgenommen Schmerzen zwar zum Teil durch immer wieder neue ‘Schmerz-Informationen’ über Nerven aus dem Hüftgelenk akti­ viert werden. Dass aber, und das ist jetzt der wichtige Teil, auf der anderen Seite auch im Gehirn diese Aktivitäten in einer Spi­ rale oder einem Kreislauf sich selber immer wieder aktivieren. Es sozusagen ein sich selber immer schneller drehendes (und viel­ leicht sogar größer werdendes) Schmerz-Rad im Gehirn gibt. Dadurch nimmt die Wahrnehmung des Schmerzes subjektiv einen immer größeren Raum ein. Und das deckt sich genau mit den Erfahrungen von chronischen Schmerzpatienten: Der Schmerz nimmt einen immer größer werdenden Raum ein. Die anderen Wahrnehmungen werden – relativ – immer kleiner. Und damit wird die Freude immer kleiner und der Schmerz immer größer.

Sie können das auch auf andere Probleme oder Ängste oder Sorgen übertragen: Die sich immer wieder aufs neue bahnen­ den Bahnen im Gehirn werden immer ausgetretener und immer breiter – und nehmen immer mehr Raum ein.

Die These ist nun, dass die Ohrakupunktur so etwas wie ein Telefonanruf in genau der betroffenen Region des Gehirns dar­ stellt. Das heisst, einen Impuls in genau die betroffene Region des Gehirns setzt, so dass der dort stattfindende Kreislauf kurz gestört oder unterbrochen wird und sich (und das ist sicherlich der für therapeutische Interventionen spannende Teil) neu for­ men muss.“

Der Mann im Kittel lächelt jetzt sogar. „Diese Hypothese wür­ de viele Beobachtungen, die wir mit der Ohrakupunktur ge­macht haben, erklären. Wir haben uns z.B. gefragt, warum die Ohrakupunktur bei so unterschiedlichen Erkrankungen wirksam ist. Dieses Modell würde dafür eine Erklärung bieten.“

Er blickt wieder auf den Monitor, auf dem inzwischen ein Bereich des Ge­hirns eingefärbt erscheint. „Allerdings bedarf es noch einiger Grundlagen-Forschung mit der Interpretation der Hirn-Scans. Und dann brauchen wir auch noch einige Ohrakupunktur-Un­tersuchungen im MRT. Es wird also noch etwas brauchen, bis wir hierzu eine bildgebende Antwort geben können, die die Ohra­kupunktur erklärt. Bislang wissen wir nur, dass sie funktioniert.

Diese fiktive Sendung wurde im Mai 2017 gedreht und bislang noch nicht ausgestrahlt.

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